Home » Sprachentwicklung » Spracherwerb

Spracherwerb

Der Spracherwerb Ihres Kindes beginnt lange bevor es selber sprechen kann, nämlich bereits in der Schwangerschaft. In dieser Zeit entwickelt das noch ungeborene Kind seine biologischen Anlagen, um Sprache erwerben und anwenden zu können. Nach der Geburt kommen die sprachliche Zuwendung der Familie und anderer Menschen hinzu. Die Sprachentwicklung läuft nicht isoliert von der übrigen Entwicklung Ihres Kindes ab. Insbesondere in der frühen Kindheit stehen allgemeine körperliche und geistige Prozesse in sehr engem Zusammenhang damit.

Voraussetzungen für einen ungehinderten Spracherwerb:

  • Kontrolle über Bewegungen und Körperteile, vor allem über jene, die für das Sprechen zuständig sind (z.B.Lippen und Zunge)
  • ungestörte Sinneswahrnehmung – die auf Ihr Kind einströmenden Reize (etwas, das es sieht, hört, fühlt …) geben ihm Informationen über die Lage seiner einzelnen Körperteile
  • psychische Fähigkeiten wie Konzentration und Aufmerksamkeit – diese sind wichtig für die Verarbeitung aller Informationen
  • emotional-soziale Atmosphäre, in der das Kind sich angenommen fühlt und sprachliche Anregungen bekommt

 

Um sich ein Bild davon machen zu können, welches enorme Lernpensum Ihr Kind während seiner Sprachentwicklung zu bewältigen hat, stellen wir Ihnen hier die verschiedenen sprachlichen Fähigkeiten vor, die es im Laufe der Zeit zunehmend erwirbt.

Die folgenden Entwicklungsbereiche werden zwar zum besseren Verständnis getrennt erläutert, dies heißt jedoch nicht, dass sie auch nacheinander erworben werden. Vielmehr sind sie sehr eng miteinander verbunden und bedingen sich gegenseitig.

Sprachliche Fähigkeiten

Entwicklung der Aussprache

Ihr Kind lernt alle Laute seiner Muttersprache zu bilden und sie entsprechend der Regeln des jeweiligen Sprachsystems anzuwenden.

In den ersten Lebensmonaten experimentieren Säuglinge mit ihrer Stimme. Sie produzieren zahlreiche Geräusche und machen auf diese Weise ihre Erfahrungen mit Sprechbewegungen. Allmählich lernt das Kind die willentliche Kontrolle über diese Bewegungen und vergleicht mit zunehmendem Lebensalter die zu hörenden Sprachlaute aus seiner Umgebung mit seinen selbst produzierten. Langsam passt es sich dem Gehörten an. Selbst gehörlose Säuglinge durchlaufen die sogenannte erste Lallphase. Sie verstummen erst dann, wenn es um den Vergleich mit den sie umgebenden Sprachlauten und deren Nachahmung geht.

Entwicklung des Wortschatzes

Ihr Kind verbindet seine Erfahrungen und sein Wissen von der Welt mit sprachlichen Erkenntnissen: Ein Wort wird zum Stellvertreter für einen realen Gegenstand, eine Tätigkeit oder für Gefühle.

Nach und nach formte Ihr Kind Sprachlaute, die erkennbare Worte bildeten. Damit gingen wichtige Erkenntnisprozesse einher: 1) Es hat gelernt, dass Gegenstände auch dann noch existieren, wenn sie nicht mehr greifbar vorhanden sind (z.B. sucht es einen Gegenstand, obwohl dieser nicht in seinem Blickfeld ist). 2) Es hat Erfahrungen mit sich selbst, mit Dingen und Handlungen gesammelt, die von Ihnen sprachlich begleitet wurden. So hat es Bedeutung von Worten verstanden.

Das Kind wird zunehmend unabhängiger von konkreter Anschauung, es kommen komplexe Wörter hinzu, die abstrakte Inhalte und grammatische Bezüge ausdrücken. Dabei zeigt sich, dass der Wortschatz des »Sprache-Verstehens« (passiver Wortschatz) stets umfangreicher ist als der aktive Wortschatz des »Sich-Ausdrücken-Könnens«.

 

Entwicklung der Grammatik

Im Laufe seiner Sprachentwicklung hat Ihr Kind ein komplexes Regelsystem »zu knacken«. Es lernt zum Beispiel die Regeln der Wortstellung, wobei der Position des Tätigkeitswortes zunächst eine herausragende Bedeutung zukommt. Ihr Kind bemerkt Veränderungen einzelner Wörter und, dass diese innerhalb eines Satzes aufeinander abgestimmt sind. So ist die Endung des Tätigkeitswortes abhängig vom Hauptwort: Ich gehe – du gehst. Das Kind erwirbt also das grammatische Regelsystem unserer Sprache.

Die Entwicklung des Wortschatzes Ihres Kindes hängt eng mit der Struktur von Sätzen zusammen. Bereits durch Doppelungen erster Wörter und im Zuge der ersten Kombinationen verschiedener Wörter (beim Übergang von der Einwort- zur Zweiwortebene) lässt sich erkennen, dass Ihr Kind mehr sagen möchte, als es ihm aufgrund seiner noch geringen sprachlichen Mittel möglich ist. Die Bedeutung seiner Äußerungen zu verstehen, angemessen zu übersetzen und zu erweitern, ist Aufgabe des sozialen Umfeldes. „Mama Ball“ kann vielerlei bedeuten. Erst im Rahmen der Situation und Ihres gemeinsamen Handelns, welches Sie sprachlich begleiten, formen Sie gemeinsam mit ihrem Kind die Bedeutung der Äußerung. So wachsen seine Fähigkeiten, den Wortschatz auszubauen und grammatische Strukturen zu erwerben.

 

Entwicklung kommunikativer Kompetenz

Dieser Bereich des Spracherwerbs umfasst die gesamte Anwendung sprachlicher und nicht-sprachlicher Kenntnisse (Mimik und Gestik), also aller Kommunikationsmittel.
»Sich-Mitteilen« und »Sich-Austauschen mit anderen« geschieht von Beginn an auf altersgemäße Weise. Lange bevor Ihr Kind Gespräche führen kann, werden ihm grundlegende Anreize dazu vermittelt. Durch unsere Sprechmelodie und die kleinen Pausen, die wir zwischen Äußerungen einhalten, signalisieren wir unserem Baby, dass an dieser Stelle eigentlich eine Antwort erwartet wird. Mit zunehmenden sprachlichen Fähigkeiten füllt das Kind diese Lücken dann auch tatsächlich aus.

 

Entwicklung des Sprachverständnisses

Das Verstehen von Sprache geht der Fähigkeit, Sprache anzuwenden, zeitlich voraus. Ihr Kind versteht Sie also, bevor es sich selber äußern kann. Dieses Verstehen ist jedoch für lange Zeit eng an Situationen gebunden. Echtes Sprachverständnis entwickelt sich schrittweise, bis es von konkreten Situationen gelöst ist.

 

Entwicklung des Redeflusses

Der Redefluss unterliegt ebenfalls Entwicklungsprozessen, die sehr verzahnt mit den hier geschilderten sprachlichen Bereichen ablaufen.

Die Planung und Ausführung seiner sprachlichen Äußerungen stellen eine hohe Anforderung an Ihr Kind dar. Es gewinnt erst allmählich Bewegungskontrolle. Die Feinabstimmung der Muskelbewegungen, die für das Reden notwendig sind, muss sich langsam entwickeln und reifen. Dass damit häufig Satzabbrüche, Suchschleifen, Umformulierungen, Wortwiederholungen und kleine Denkpausen einhergehen, verwundert also nicht. Diese bewirken häufig, dass das Sprechen unflüssig klingt.

Alter`Normale` Sprachentwicklung Gestörte Sprachentwicklung Sprachförderndes Verhalten
0- 10. Monat
  • das Kind reagiert auf Geräusche, es bewegt den Kopf in Richtung Schallquelle
  • schreien, gurren, lallen, Kettenbildung (..ga-ga“)
  • das Kind nimmt keinen Blickkontakt auf
  • das Kind reagiert nicht auf Geräusche
  • das Kind verstummt, besonders ab dem 6. Monat
  • das Kind kann keine Laute bilden
  • sprechen Sie mit Ihrem Baby ruhig und freundlich
  • spielen, singen und lachen Sie mit ihm
  • erzählen Sie ihm in einfachen Sätzen, was Sie gerade tun
  • benennen Sie Geräusche, Menschen und Dinge in seiner Umgebung
10.- 18. Monat
  • es werden Gebärden (..bitte-bitte“), Silben und Laute nachgeahmt
  • das Kind reagiert auf seinen Namen
  • es versteht Aufforderungen, kann bestimmte Gegenstände benennen (10 Wörter) und zeigen( .. Mama“, .. Papa“, .. nein“)
  • ausbleibende Sprachentwicklung
  • das Kind beschränkt sich immer auf dieselbe Silbe oder Lautfolge
  • es versteht keine Aufforderungen
  • das Kind versucht nur mit Mimik und Gestik zu kommunizieren
  • wecken Sie bei Ihrem Kind die Freude zur Kommunikation
  • fördern Sie jede Art der Verständigung (Lachen, Schauen)
  • geben Sie Ihrem Kind Zeit zu antwort en
  • einfache Lieder und Reime bereiten Freude
ab 18. Monat
  • das Kind versteht einfache Sätze
  • das Kind erkennt Alltagsgeräusche
  • das Kind benennt bekannte Dinge (der Wortschatz wächst auf 30-50 Wörter)
  • Übergang von Ein- zu Zwei-Wort-Sätzen
  • Gebrauch weniger unverständlicher Lautverbindungen
  • weniger als 10 sinnbezogene Wörter
  • die Sprache verschlechtert sich, entwickelt sich nicht weiter oder das Kind hört auf zu sprechen
  • sprechen Sie in einfachen Sätzen mit Ihrem Kind und nicht in der Babysprache
  • schauen sie gemeinsam geeignete Bücher an
  • spielen und singen Sie gemeinsam mit Ihrem Kind
ab 24. Monat
  • das Kind versteht längere Sätze und Aufforderungen (z.B. zeigt Körperteile)
  • es sagt seinen Namen und verwendet mehr als 50 Wörter
  • es bildet Zwei- bis Drei-Wort-Sätze
  • es kann Wörter mit m,b,p,d,f,l,n,t,w sprechen
  • das Kind spricht meist unverständlich
  • außer .. Mama“ und .. Papa“ spricht es nur wenige Worte
  • keine Ansätze über Zwei-Wort-Sätze hinaus
  • sie haben das Gefühl, dass das Kind Sie nicht versteht
  • erweitern Sie den Wortschatz Ihres Kindes, indem Sie immer wieder neue Begriffe anbieten
  • wiederholen Sie in einem umformulierten Satz das, was Ihr Kind sagen wollte, korrekt
  • lassen Sie Ihr Kind nicht ständig nachsprechen
ab 36. Monat
  • das Kind hört beim Vorlesen zu
  • es versteht kleine Geschichten
  • es beantwortet erste Fragen
  • das Kind bildet Mehrwort-Sätze und stellt selbst Fragen
  • das Kind verwendet „ich“
  • das Kind spricht für Fremde unverständlich
  • das Kind kann noch nicht die Mehrzahl bilden
  • das Kind bildet keine einfachen Sätze
  • das Kind benutzt wenige Tätigkeitswörter, keine Artikel oder Eigenschaftswörter
  • hören Sie Ihrem Kind aufmerksam zu
  • helfen Sie ihm so, seine Gedanken und Gefühle zu ordnen und auszudrücken
  • ermutigen Sie es Daumen und Nuckel aufzugeben
ab 48. Monat
  • das Kind beteiligt sich an alltäglichen Gesprächen und bildet Sätze wie Erwachsene
  • das Kind kann Situationen beschreiben und von Dingen sprechen, die es nicht sieht
  • es kann einzelne Begriffe einem Oberbegriff zuordnen (z.B. Obst)
  • alle Laute und -Verbindungen werden korrekt gebildet
  • dem Kind fällt es schwer, Sätze zu bilden
  • es macht viele grammatikalische Fehler
  • es spricht nicht immer verständlich (überhastetes oder verwaschenes Sprechen)
  • das Kind kann einzelne Laute oder -Verbindungen nicht bilden oder ersetzt diese, wie z.B.: Hot-Rot, Ssule-Schule, grei-drei, Trotodii-Krokodil, Kaktor-Traktor, Kirche-Tirche)
  • es wiederholt oder dehnt Laute bzw. Silben, z.B.: T-TTür, Be-Be-Banane, Rrrrrr … oller, Fa-Fa-Fahrrad)
  • lesen Sie Geschichten vor
  • erzählen Sie abwechselnd darüber
  • malen, basteln und spielen Sie gemeinsam
  • beschränken Sie Fernsehen, Computer und andere technische Spiele zeitlich (max. 1 Stunde täglich)
  • interessieren Sie sich für deren Inhalt, ob er altersgerecht ist