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Late Talker – Späte Sprecher

Der Begriff „Late Talker“ entspringt dem angloamerikanischen Raum. Er wird zunehmend in der deutschsprachigen Fachliteratur verwendet. Dort verdrängt er den Begriff „Späte Sprecher“. In beiden Fällen sollen Kinder beschrieben werden, die spät mit dem Sprechen beginnen.

Weniger als 50 Wörter und/oder keine Zwei-Wort-Sätze

Üblicherweise sprechen Kinder mit etwa 12 Monaten ihre ersten Worte. Bis zu ihrem zweiten Geburtstag kommen viele Begriffe hinzu, so dass sie ab diesem Zeitpunkt in aller Regel einen Grundwortschatz besitzen. Mit diesem sind sie imstande, erste Sätze zu formulieren. Zweiwortsätze sind in der Folge immer häufiger zu hören (beispielsweise „Mama Ball“ oder „Mama weg“).

Anders verhält es sich bei Späten Sprechern. Late Talker lernen nur langsam neue Wörter. Im Alter von zwei Jahren besteht ihr Wortschatz entweder aus weniger als 50 Wörtern oder sie sind nicht in der Lage, Zwei-Wort-Sätze zu bilden. Mitunter kommt auch beides zusammen, so dass sie weder viele Worte sprechen noch Zwei-Wort-Sätze bilden können. Die allgemeine Entwicklung im Übrigen muss davon nicht betroffen sein. So können sich Late Talker unauffällig in Bezug auf die Bereiche Hören, Motorik und Intelligenz entwickeln. Beobachtet werden hingegen bei einigen Späten Sprechern Probleme hinsichtlich des Sprachverständnisses.

Spätzünder holen bis zum dritten Geburtstag auf

Etwa die Hälfte der Late Talker kann den sprachlichen Rückstand bis zum dritten Geburtstag aufholen. Diese Spätzünder nennt man auch „Late Bloomer“ Die Grundregeln der Muttersprache sind ihnen dann bekannt. Es gibt jedoch Kinder, denen dieser Ausgleich nicht gelingt. Sie behalten ihre Sprachentwickluungsverzögerung über den dritten Geburtstag hinaus und sind von einer spezifischen Sprachentwicklungsstörung (SSES) bedroht. Spezifisch wird sie genannt, da ihr keine anderen Beeinträchtigungen (etwa eine geistige Behinderung oder Hörprobleme) zu Grunde liegen. Bei diesen Kindern kommt es auf eine frühzeitige logopädische Therapie an, die in diesem Alter erheblich zur Sprachentwicklung beitragen kann. Eltern von Späten Sprechern sollten baldmöglichst ihren Kinderarzt/ihre Kinderärztin aufsuchen und abstimmen, ob eine Sprachtherapie angezeigt ist. Je frühzeitiger die Sprachentwicklungsstörung erkannt wird, umso besser kann das Kind unterstützt und gefördert werden.

Hat das Kind im Übrigen ein gutes Sprachverständnis, kann es möglicherweise ausreichen, Eltern eine Anleitung zu sprachförderlichem Verhalten zukommen zu lassen. Mit Programmen wie dem „Heidelberger Elterntraining“ sind diese in der Lage, ihr Kind sprachlich zu fördern. Die meisten Praxen für Logopädie bieten solche Programme an. Eltern können jedoch auch vor einem solchem Training ihrem Kind eine erste Unterstützung geben, wenn sie mit ihm Zeit verbringen, gemeinsam spielen, singen oder vorlesen.

Bei einer spezifischen Sprachentwicklungsstörung braucht es Unterstützung

Mangelt es schon beim Sprachverständnis des Kindes, ist eine frühe, direkt am Kind ansetzende Sprachtherapie erforderlich. Hilfreich haben sich beispielsweise der Therapieansatz nach Zollinger erwiesen, sowie spezielle Late-Talker-Therapien, etwa nach Dr. Schlesiger.

Im Alter von drei Jahren steht bei Kindern die Vorsorgeuntersuchung U7a an. Dort wird erwartet, dass ganze Hauptsätze gebildet werden können. „Es ist enorm, welche sprachliche Entwicklung Kinder bis zum dritten Geburtstag durchlaufen“, sagt Dr. Elisabeth Wildegger-Lack vom Deutschen Bundesverband der Akademischen Sprachtherapeuten. „Das Zeitfenster zum Aufholen ist also sehr klein“, gibt sie zu bedenken. Ein Grund mehr, den Kinderarzt/die Kinderärztin frühzeitig über Auffälligkeiten in Kenntnis zu setzen. Die Termine beim Arzt sollten im Anschluss häufiger gesetzt werden, damit die Entwicklung fortlaufend begleitet werden kann. Anhaltspunkte für einen positiven Verlauf können darin gesehen werden, dass das Kind zunehmend besser zuhört und versteht.

Die ärztliche Diagnostik kann durch den „Elternfragebögen für die Früherkennung von Risikokindern“ (ELFRA) unterstützt werden. Diese werden betroffenen Familien mit nach Hause gegeben. „Sie sollten sich bei Ihrem Kinderarzt nicht abwimmeln lassen. Es hat sich gezeigt, dass elterliche Sorgen oft berechtigt sind“, sagt Prof. Dr. Christina Kauschke (Phillipps-Universität Marburg, Institut für Germanistische Sprachwissenschaft). Bei Late Talkern sei die Wahrscheinlichkeit, als Vorschulkind sprachentwicklungsgestört zu sein, 20 mal so hoch wie bei anderen Kindern dieses Alters.

Ist das Kind im Alter von zwei Jahren sprachlich verzögert, sollten Eltern den oben beschriebenen Weg der Abklärung in jedem Fall beschreiten. Es kann ansonsten zu Langzeitfolgen kommen, etwa Satzbaustörungen, Artikulationsfehlern, Textverständnissstörungen sowie Problemen in der Schule.

Indizien zur Beurteilung der sprachlichen Entwicklung (nach Suchodoletz):

  • Einbeziehen von kommunikativen Gesten seitens des Kindes, Beurteilung von Quantität und Qualität
  • Entwicklung von „Vorläuferfähigkeiten“ (Objektpermanenz, Symbolspiel, gemeinsamer Aufmerksamkeitsfokus). Wie verhält sich das Kind gegenüber anderen Menschen, nimmt es Blickkontakt auf, teilt es Absichten mit, gibt es Handlungsresultate? Spielt es mit anderen Kindern, macht es Geräusche beim spielen? Kann es Regeln erkennen und einhalten? Wird das Spielverhalten weiterentwickelt, werden Interaktionssituationen initiiert?
  • Ausprägung des Sprachrückstandes (Erwerb erster Wörter erst spät, etwa nach dem 18. Lebensmonat? Ist die Aussprache undeutlich, zeigt das Kind Vokal- oder Konsonanten-Lallen? Sind Wortschatz und Sprachverständnis eingeschränkt?)
  • Betrachtung von neurophysiologischen und neuropsychologischen Aspekten (Untersuchung von akustisch evozierten Potentialen, sequentieller auditiver Diskriminationsleistung, Vorliegen häufiger Mittelohrentzündungen, struktureller Hirnveränderungen pp.)
  • Familiäre Häufungen (gab es einen Elternteil mit verspätetem Sprachbeginn oder Lese-Rechtschreib-Schwäche?)
  • Betrachtung des nonverbalen/kognitiven Entwicklungsstandes im Alter von 18 Monaten
  • Psychosoziale Einflussfaktoren (wie ist der sozioökonomische Status der Eltern, welche geschlechtsspezifischen Kriterien lassen sich erkennen?).

Hinsichtlich der Prognose von Late Talkern lassen sich keine belastbaren allgemeingültigen Aussagen treffen. Es gibt dennoch Erfahrungswerte, die als grober Anhalt dienen können. Etwa ein Drittel der Kinder mit Sprachentwicklungsrückstand kann diesen bis zum Alter von 3 Jahren aufholen. Bei zwei Dritteln bleiben phonologische und syntaktische Schwächen bis ins vierte Lebensjahr bestehen. Im Vorschulalter erfüllen etwa ein Drittel der ehemaligen Late Talker die diagnostischen Kriterien einer umschriebenen Sprachentwicklungsstörung. Bei den übrigen Kindern liegen die Wert in der Norm, wenn auch häufiger im unteren Bereich. Im weiteren Verlauf der Schulzeit sind Probleme hinsichtlich der Sprachkompetenz zu beobachten. So sind mitunter die narrative Kompetenz reduziert und Lese- sowie Rechtschreibleistungen nicht adäquat entwickelt. Bei diesen Kindern ist auch zu beobachten, dass sie vereinzelt ängstlicher und ernster erscheinen als sprachunauffällige Kinder.

Late Talker – Weiterführende Konzepte:

  • Konzept nach Dr. Claudia Schlesiger. Evidenzbasierte Frühintervention für Late Talker. Evaluation am Sprachtherapeutischen Ambulatorium in Zentrum für Beratung und Therapie der Universität Dortmund, 2009.
  • Late-Talker Therapiekonzept. Inputspezifizierung von Christina Kauschke, 2006
  • Patholinguistischer Ansatz nach Siegmüller/Kauschke 2006

Literatur:

  • Dannenbauer, F.M. (2001): Spezifische Sprachentwicklungsstörungen. In: Grohnfeldt, M. (Hrsg.): Lehrbuch der Sprachheilpädagogik und Logopädie. Bd. 2: Erscheinungsformen und Störungsbilder, S. 48-74. Kohlhammer, Stuttgart.
  • Grimm, H. (2003): Störungen der Sprachentwicklung. 2. Aufl. Hogrefe, Göttingen:
  • Kauschke, C. (2006): Late Talker. In: Siegmüller, J.; Bartels, H. (Hrsg.): Leitfaden. Sprache – Sprechen – Stimme – Schlucken, S. 65-68. Urban & Fischer, München.
  • Claudia Schlesiger (2009): Sprachtherapeutische Frühintervention für Late Talkers: Eine randomisierte und kontrollierte Studie zur Effektivität eines direkten und kindzentrierten Konzeptes. Schulz-Kirchner Verlag
  • Suchodoletz von, W. (2001): Sprachentwicklungsstörung und Gehirn. Kohlhammer, Stuttgart