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Was ist selektiver Mutismus?

Mit dem Begriff Mutismus (von lat. mutus = stumm) bezeichnet man eine spezifische Kommunikationsstörung, bei der kommunikative Anforderungssituationen als Stress erlebt und durch Schweigen bewältigt werden.

Von Mutismus betroffene Menschen haben die Sprache ihres Umfeldes, in dem sie sich bewegen, weitgehend bis komplett erworben, besitzen ein intaktes Sprechvermögen, sind jedoch teilweise (also „selektiv“ = umgrenzt) oder vollständig („totaler Mutismus“) nicht fähig, ihr Sprechvermögen auch einzusetzen/ zu sprechen. Sie schweigen.

Stottern Mutismus Selektiver Mutismus

 

Dieses Schweigen tritt in der Regel vorhersagbar und überdauernd in bestimmten sozialen Situationen auf, in denen Sprechen erwartet wird. Zudem ist es personenbezogen, das heißt, es zeigt sich einzelnen Personen gegenüber gar nicht oder eben sehr konsequent. Häufig sprechen betroffene Kinder im familiären Umfeld überaus viel und erscheinen am `sicheren Ort Zuhause` alles andere als zurückhaltend. Eltern erleben ihre Kinder hier nicht selten sogar als forsche `Bestimmer`. Bekannten Erwachsenen, Fremden und/ oder anderen Kindern gegenüber wird hingegen zumeist geschwiegen.

Neben dem `verbalen Rückzug` fällt im Umgang mit selektiv mutistischen Kindern eine besondere körperliche Verkrampfung auf, die in für sie stresshaften Kommunikationssituationen auftritt. Sie wirken oft wie eingefroren, gleichzeitig aber auch sehr aufmerksam, ihre Umgebung mit den Augen `kontrollierend`.

Nicht selten werden, abgesehen vom sprachlichen Ausdruck, auch weitere geräuschvolle Äußerungen (Husten, Niesen, Lachen) vermieden. Mimik, Gestik und Blickkontakt erfolgen sehr reduziert bis maskenhaft.

Mutismus ist ein in der Öffentlichkeit noch wenig bekanntes Störungsbild, das etwa 2 von 1000 Menschen betrifft. Zumeist tritt dieses sozial nicht akzeptierte Schweigen im Alter von 3-4 Jahren – bei Kindergarteneintritt- in Erscheinung. Jener `Auftritts-Zeitpunkt` verwundert nicht, zumal es sich im Leben eines Kindes hierbei häufig um die Phase handelt, in der es sich im Hinblick auf seine sozialen und pragmatischen Fähigkeiten (Fähigkeit, ein der Kommunikationssituation angemessenes Sprechverhalten anzuwenden) erstmals ausgiebig erprobt. Mädchen sind deutlich öfter betroffen als Jungen. Die Sprachentwicklung im Bereich Aussprache, Grammatik und Wortbedeutungsentwicklung ist bei ca. 50% der Kinder altersgemäß.

Es finden sich Erklärungsansätze aus verschiedenen Fachrichtungen, die jeweils eigene Schwerpunkte setzen. So kann das beschriebene Schweigen zum Beispiel aus lerntheoretischer Sicht betrachtet werden und demzufolge primär als gelerntes Verhalten, das heißt als `gelernte Hilflosigkeit` in Kommunikationssituationen gelten. Entstehung und Aufrechterhaltung des selektiven Mutismus werden hier wesentlich durch situationale Gegebenheiten erklärt.

Die psychoanalytische Herangehensweise befasst sich hauptsächlich mit möglichen intrapsychischen Verarbeitungsformen und personenstrukturellen Faktoren, die das Schweigen bedingen könnten.

Wir schließen uns der so genannten interaktionistischen/ multikausalen Betrachtung des Phänomens `Mutismus` an (Rainer BAHR*), welche das Wechselwirkungsgeschehen zwischen Person und Situation als ausschlaggebend begreift.

Wie wir arbeiten:

Die Gestaltung des Erstkontaktes mit Ihrem selektiv mutistischen Kind (Jugendlichen) erfolgt individuell, entsprechend der durch das Gespräch mit Ihnen als Eltern gewonnenen Informationen.

Wir suchen den Zugang zum Beispiel im schulischen Kontext, im Kindergarten und/ oder im Freundeskreis, je nachdem, in welchem Umfeld sich Ihr Kind sicher, kompetent und wohl fühlt. Symbol- und Rollenspiel als therapeutische Intervention sind bei Kindern jüngeren Alters eine oft vertrauensfördernde Handlungsweise zur Kontaktaufnahme.

Wir gestalten eine angstfreie Situation mit Ihrem Kind, reduzieren Kommunikationsdruck und ermöglichen nonverbale Aktivitäten im gemeinsamen Handeln. Wir fordern nicht direkt zum Sprechen auf. Gleichzeitig tabuisieren wir das Nichtsprechen nicht. Ein Weg führt häufig über folgende Reihenfolge von Anforderungen:

  1. Nonverbal und ohne Stimme kommunizieren
  2. Nonverbal mit Stimme kommunizieren
  3. Sprachlich ohne Stimme/ flüsternd kommunizieren
  4. Sprachlich mit Stimme kommunizieren

Im weiteren Verlauf, auf der Basis einer gefestigten Beziehung, arbeiten mit verhaltenstherapeutischen Elementen, verhandeln mit Ihrem Kind hinsichtlich anstehender Kommunikationsaufgaben und schließen gemeinsam Verträge über unser Vorgehen.

Wir beziehen Tonband- und/ oder Videoaufnahmen in die Förderung mit ein, nutzen Briefe, Emails, oder Telefonate als `Brücken`. Nach und nach werden der Personenkreis und die Orte, mit/ an denen Ihr Kind spricht, verlagert und ausgedehnt.

Um das kommunikative Selbstwirksamkeitsempfinden auszubauen sollen so viele Erfolgserlebnisse wie möglich gesammelt werden. Ziel ist es, zu transportieren, dass Sprache ein hilfreiches Kommunikationsmittel darstellt, dessen Ihr Kind mächtig ist.

Sie und Ihr Kind bekommen regelmäßig `Transferaufgaben`, die sie im privaten Umfeld umsetzen.

Wir treffen uns zu Beratungs- und Reflexionsgesprächen.

Interdisziplinäre Zusammenarbeit und Vernetzung mit anderen Fachpersonen/Institutionen sind von herausragender Wichtigkeit im Rahmen unserer Mutismus-Therapien.

* Reiner Bahr ist Autor des Buches „Wenn Kinder schweigen“. Er leitet die LVR-Wilhelm-Körber-Schule mit
Förderschwerpunkt Sprache in Essen